Inhalt 06/15

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novum plus :

Editorial

Kuriositätenkabinett

Wenn man lange vor einer blanken Seite sitzt und so gar nichts fließen will – in meinem Fall ein adäquates Editorial –, kann dies zwei Ursachen haben: Entweder die entscheidenden Gedankenblitze bleiben partout aus oder aber es geistern zu viele Schnipsel in den Gehirnwindungen herum. Ich sortiere also meine Notizzettel und Post-its, die sich so ansammelten, schubse Stichworte hin und her. Kommen Sie einfach mit zu meinem Schreibtisch im März …
Gerade aus Athen von der Jurysitzung der European Design Awards zurück, den Kopf voller Bilder und Arbeiten, Gesprächen und Diskussionsstoffen. Zwischendurch die Nachrichten durchklicken und mit blankem Entsetzen bei der Berichterstattung zum eben geschehenen Flugzeugabsturz von Germanwings auf der ARD-Seite hängen bleiben. Die Liveschaltung geht von Paris nach Berlin, von der Schule in Haltern zu einzelnen Politikern und schließlich – zur Börse und den fallenden Kursen (immerhin kondolierte der Moderator zuvor nicht den Aktionären, sondern den Hinterbliebenen). In diesem Moment wird mir wieder einmal mehr als deutlich, in welcher Welt wir leben …
Zurück zum Editorial, das soll doch fertig werden. Ein gemeinsames Protestschreiben mehrerer Verbände an Herrn Kauder finde ich in meiner Sammlung: Der Bundestag berät gerade über das Kleinanlegerschutzgesetz, das unter anderem vorsieht, »Werbung für Finanzprodukte des Grauen Kapitalmarkts nur noch in solchen Medien zu erlauben, bei deren Nutzern der Gesetzgeber Vorkenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge voraussetzt und die Werbung im Zusammenhang mit einem redaktionellen wirtschaftlichen Schwerpunkt platziert ist«. Vielleicht ist man in Berlin so freundlich, dieses Gesetz an einem 1. April zu verabschieden, dann könnte man es wenigstens für einen Scherz halten. Ich finde es wunderbar, wenn der Staat zweifelhafte Produkte zwar am Markt belässt und letztlich von ihnen finanziell profitiert, über diese Tatsache aber wohl dosierte Deckmäntelchen ausbreitet, um nicht ganz so tatenlos zu erscheinen. Denn was sagt uns dieses Vorhaben? Omas hart Erspartes darf weiterhin ungestraft in dubiose Fonds wandern, aber immerhin hat sie sich die Werbung dazu im Neuen Blatt nicht angucken müssen. Oder andersherum, wird der Sparkasse Bottrop diktiert, ihr Jugend-Girokonto im Handelsblatt anzupreisen, weil Leser der Neon mutmaßlich zu doof sind, um Soll und Haben auseinanderzuhalten. Mich beruhigt diese Fürsorge ungemein und ich würde als Erweiterung vorschlagen, auch Wahlplakate nur noch in redaktionellem, politischem Umfeld zuzulassen, dann bliebe uns wenigstens das visuelle Grauen auf der Straße erspart. Reicht das für eine ganze Seite? Wohl eher nicht.
Vielleicht etwas Humoriges? Unser Art Director gab mir den Hinweis auf eine ganz neue Form der Kundenbindung, die für McDonalds ersonnen wurde. Da mir die Worte fehlen, sehen Sie selbst: www.bigmacshop.se. Ich liebe es – garantiert nicht …
Zum novum+-Thema in dieser Ausgabe bliebe auch noch etwas zu sagen: Hier reihen sich acht Interviews mit Top-Kreativen aneinander und alles dreht sich um deren Eigendarstellung. Welche Mittel werden genutzt, wie wichtig ist Self-Promotion und welchen Stellenwert haben die unterschiedlichen Medien? Die Antworten hierauf fielen ganz unterschiedlich aus. Das Fazit könnte jedoch lauten: Es darf und muss getrommelt werden, alles andere ist falsche Bescheidenheit. 
In diesem Sinne, einen ideenreichen Juni, Ihre

Bettina Schulz