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novum plus :

Editorial

Big Buddha is watching you


Auf dem Weg ins Münchner Umland, wo man recht bald in beschauliche Gegenden gelangt mit viel verbautem Holz an den Häusern und ländlicher Bilderbuch-Idylle, entdeckte ich in einem gepflegten Garten doch glatt eine mannshohe Buddha-Figur. Man kann darüber streiten, ob sich in rein ästhetischer Hinsicht Buddha mit Lüftlmalerei verträgt (gerade in Bayern kommt jede Unkonventionalität normalerweise gerade recht). Erstaunlich finde ich aber, daß wir hierzulande einerseits erbitterte – Achtung, Wortspiel – »Kreuzzüge« führen und wochenlang darüber diskutierten, ob selbiges Symbol in den Klassenzimmern nun die kleinen Gehirne wäscht oder eher kulturelle Wurzeln vermittelt, und andererseits völlig schmerzfrei mit fernöstlicher Religion hantieren, als wäre sie für Versandhäuser und Kruschkramläden erfunden worden. Denn der arme Dickbauch (natürlich gibt es auch andere Buddha-Figuren – diese scheint aber die beliebteste, weil wohl »lustigste« zu sein) muß seit Jahren für jegliche dekorative Maßnahmen herhalten, die man ihm so verpassen kann: als Kerze und Seife, gerne in quietsch-grellen Neonfarben, paradoxerweise sogar als Christbaumkugel oder aber als Ohrgehänge, wahlweise mit Frosch- oder Wackelkopf im Schneidersitz, zum Hängen, Stellen und An-die-Wand-Nageln. Freilich gibt’s kitschigen Firlefanz auch in christlichen Wallfahrtsorten zu kaufen – Lifestyle ist das aber vermutlich eher weniger. Buddha ist einfach angesagt und wenn man ihn nicht höchstselbst aus dem Asien-Urlaub importiert, wird er halt aus Plastik gekauft wie die derzeit ebenso inflationär angepriesenen Eulen – nur ist Buddha eben kein Federvieh, sondern eine religiöse Figur. Und beim Thema Religion hört bekanntlich der Spaß auf … das Eis ist dünn und unbedachte Scherze führen nicht nur zum Vorwurf der Blasphemie, sondern mancherorts ganz schnell zu Morddrohungen. Nur Buddha lächelt geduldig  (und vielleicht sogar stellvertretend für seine Anhänger) aus Schaufenstern, erträgt klaglos bayerische Vorgärten, westeuropäische Toilettenwände und hält in stoischer Ruhe als Schmuckelement von Kosmetikverpackungen und Shirts her. Vielleicht hat ja am Ende tatsächlich nicht immer der Recht, der am lautesten schreit, er habe die (religiöse) Wahrheit für sich gepachtet.
Auch wenn Sie gerade nicht an eine Pause zum Meditieren gedacht haben, so laden wir Sie trotzdem ein, für einige Zeit »abzutauchen«: Unser novum+ präsentiert Ihnen dazu traumhafte Fotografien, in die man ruhig versinken darf. Das Interview mit Erol Gurian, der als Reportagefotograf schon in vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt unterwegs war, hat mich hier sehr berührt und stellt darüber hinaus einen reizvollen Gegenpol etwa zu den fantastisch-fantasievollen Szenerien von Helen Sobiralski oder aber den knackigen Foodfotografien von Sonja Priller dar.  
Viel Vergnügen mit unserer April-Ausgabe wünscht