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Editorial

Leben in Spalten

In diesem Jahr übertraf sich der Einzelhandel einmal wieder selbst: Am 28. August stolperte ich im Supermarkt über die ersten Verkaufsflächen von Lebkuchen und Dominosteinen. Am achtundzwanzigsten August! Grund hierfür ist die Verkaufsoptimierung – je länger man die »Vorfreude« auf das Fest ausdehnt, desto mehr Kalorienbomben wackeln angeblich über das Kassenband. Und ich werde es sicherlich noch erleben, daß diese Vorfreude schon am Aschermittwoch beginnt.
Optimierung steht aber ohnehin hoch im Kurs … in erster Linie die eigene, unterstützt von unzähligen digitalen Helferlein: Fitneßarmbänder überwachen die täglichen Schritte und den generellen Gesundheitszustand, diverse Apps geben Aufschluß über die Produktivität, die Diäterfolge, das heimische Haushaltsbuch und über die Fortschritte sämtlicher privater sowie beruflicher Projekte. Wer sein Fahrverhalten im Auto permanent überprüfen läßt, spart sogar bei manchem Anbieter an der Versicherungsprämie und auch Stirnbänder für die Nacht sind schon erhältlich, mit denen sich die Traum- und Tiefschlafphasen analysieren lassen. Gegebenenfalls kann hiermit die Schlafdauer reduziert werden, weil das Gehirn vielleicht eine Stunde lang ohnehin nur oberflächlich – und damit sinnfrei – vor sich hindümpelt.
Das ganze Leben, der ganze Körper hübsch aufgeschlüsselt in Tabellen und Diagrammen – so läßt sich bequem ablesen, an welcher Stelle noch etwas herauszuholen ist, um nicht wertvolle Lebenssekunden sinnlos zu verplempern oder gar ein μg Vitamin B6 zu wenig in der Blutbahn zu haben. Die Selbstdisziplin soll damit gestärkt werden, wie damals, als noch der Lehrer in der Schule mahnte, man solle sich besser konzentrieren. Nun fiepst eben eine App, eine Uhr, das Handy. Und Menschen, die die Gängeleien als Jugendliche haßten, haben heute scheinbar großen Spaß daran, sich ausgeklügelten Programmen sklavisch zu unterwerfen und akribisch Daten zu archivieren. Dient ja angeblich der eigenen Zufriedenheit, ein optimiertes Dasein zu führen. Mir persönlich wird es ein wenig bange bei dem Gedanken, nicht nur sämtliche meiner Vitalfunktionen einem Anbieter zu übermitteln (aber nein, die Daten sind total sicher!), sondern darüber hinaus minütlich besser werden zu müssen. Und auch wenn mich das schlechte Gewissen nach einem vertrödelten Sonntag ein wenig plagt, so fühle ich mich ehrlich gesagt nicht unbedingt schlechter als nach einem arbeitsreichen Montag … aber lassen Sie sich nichts einreden, für die Selbstoptimierung ist das natürlich nix!
Trotz allem: Wissen Sie, auf was ich mich im Weihnachtsurlaub besonders freue? Auf undiszipliniertes Futtern von Mamas besten Plätzchen, auf absolut »effizienzloses« (ist es nicht bemerkenswert, daß es dieses Wort im Deutschen gar nicht gibt?) Tagträumen auf dem Sofa, auf nichtzielgerichtetes Plauschen mit Freunden und der Familie, unkontrolliertes Schneeflockenbeobachten, nichtüberwachtes Blättern in Büchern und Zeitschriften sowie auf ungezählte Spaziergangsschritte. Und Ihnen, liebe Leser, wünsche ich dieses auch – eine Zeit zum Kraft tanken und genießen, zum (iPad-)Abschalten und Gedanken fließen lassen sowie viel Muße, um Kreativität an ungewohnten Orten zu entdecken. Mit der Selbstoptimierung fangen wir dann im neuen Jahr an … versprochen!