Inhalt 02.16

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novum plus :

Editorial

Mundus vult decipi

Der Dichter Sebastian Brant wusste es schon im 15. Jahrhundert – sein berühmtester Satz war wohl niemals zutreffender als im Zeitalter der Überinformation. Bedeutet doch mehr Wissen auch zugleich mehr Verantwortung, zumeist für das eigene Handeln, was reichlich unkommod werden kann. Deshalb halten wir es allzu gerne mit dem Spiel kleiner Kinder, die sich die Hand vor die Augen halten und meinen, damit wären nicht nur sie selbst, sondern auch das Gegenüber verschwunden. Oder wir geben uns dankbar Illusionen hin, glauben Versprechen der Industrie, der Werbekollegen, der Medien. Damit aber nicht genug: Wir lassen nicht nur gerne unliebsame Tatsachen von anderen negieren und uns damit um die Wahrheit betrügen, sondern lügen uns darüber hinaus auch selbst ganz gerne in die eigene Tasche.
Besonders deutlich wird dieser Wunsch nach Illusion in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit: Natürlich wollen wir alle sauberes Wasser, gesunde Ernährung, reine Luft. Keine Massentierhaltung, keine Ausbeutung von Näherinnen, keinen Klimawandel. Den Plastikstrudel im Ozean finden wir schlimm, die Ozonbelastung doof. Aber wir sind auch die Generation, die damit aufwuchs, alles haben zu können, und zwar plötzlich und so bequem wie möglich. Da sich das schlecht mit Umweltzielen in Einklang bringen lässt, passen wir selten unser Verhalten an, sondern versuchen, die Realität nach unserem Wunsch (wir können ja alles haben) zu formen. Kaufen völlig unnötig überdimensionierte Autos (»der verbraucht echt nur 5 Liter!«), Bio-Eier im Discounter, das fünfhundertste T-Shirt aus der »grünen« Kollektion irgendeiner Modekette und »umweltfreundliche« Kapseln für Kaffee­automaten. Damit ist das schlechte Gewissen doch gleich ein wenig besänftigt. Wir wissen um diesen Betrug ebenso wie um den Kaloriengehalt einer Buttercremetorte, aber das Widerstehen ist halt schwer. Womit die Kettenreaktion beginnt: Je mehr wir uns über jeden grünen Brocken der beruhigenden Impfdosis freuen (nimm zur Torte Süßstoff in den Kaffee!), umso mehr wirft die Industrie davon auf den Markt. Auf dass wir uns noch wohliger fühlen im nachhaltigen Konsumrausch und dieser Widerspruch wohlduftend vernebelt wird. Und weil die Industrie mit dem Umlackieren ihrer Produkte in Grasgrün wirklich ziemlich beschäftigt ist und das sogar ganze Abteilungen in Beschlag nimmt, ist für die Entwicklung echter nachhaltiger Produkte leider keine Zeit übrig. Warum dem Hund auch Suppenfleisch geben, wenn er mit einem Knochen zufrieden ist? Oder aber: Warum umständlich ein Elektroauto konstruieren, wenn sich der Fahrer auch über einen Liter weniger auf 100 Kilometer freut? Eine Studie der Hochschule Reutlingen unter Leitung von Professor Dr. Jochen Strähle zeigte erst kürzlich eindrucksvoll auf, dass »die Marke den Verbraucher stärker beeinflusst als die tatsächlichen nachhaltigen Aktivitäten in einem Unternehmen«. Demnach profitieren diese schlichtweg mehr vom Greenwashing als davon, substantielle Veränderungen vorzunehmen: »Das hat einfach eine größere Wirkung auf den Konsumenten und ist mit weniger Kosten verbunden«, so Strähle.
Die gute Nachricht also für die Branche: Eine Top-Marke ist heute wertvoller als je zuvor. Ist diese aufgeladen mit vielen positiven Teilchen, muss sich ein Unternehmen wirklich viel Mühe geben, um das Image zu demontieren; es genügt, gelegentlich das Make-up aufzufrischen. Oder wer möchte mit mir wetten, dass die Absatzzahlen der deutschen Autoindustrie Ende des Jahres wieder stabil sind? Die nicht ganz so gute Nachricht ist, dass damit auch die Verantwortung für Gestalter steigt – gesamtgesellschaftlich und (umwelt-)politisch. Oder aber steigen müsste, je nach eigener Selbsttäuschungsmesslatte.
»Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden«, eben dieser Satz stammt vom eingangs erwähnten Sebastian Brant, hätte aber auch von VW sein können …

Bettina Schulz