Inhalt 09.15

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novum plus :

Editorial

Über den Tellerrand

Kreative pendeln ständig zwischen Reaktion und Aktion. Zwischen der Befriedigung von Kundenbedürfnissen und dem Bestreben, möglichst Neues, Einzigartiges in die Welt zu setzen, zu überraschen, Anstöße zu geben. Zwischen Wunscherfüllung und Wunscherweckung, Kommerz und Kreativität. Nun ist der Mensch aber von Natur aus eher bequem – nachdem er die Kunst des Feuermachens beherrschte, war es noch ein langer Weg zum High-tech-Grill mit Warmhaltezone und Räucherchips-Schubladen. Wir greifen gerne auf eigene Methoden zurück, auf Erfahrungen, auf das einmal angeeignete Wissen; an sich nichts Verwerfliches. Es gibt schließlich auch Autoren, die in Serie schreiben … gleiche Stadt, gleiche Protagonisten, gleiches Schema. Aber ganz ehrlich, den Nobelpreis für Literatur erhält man dafür eher nicht. Es stellt sich die Frage: Wie aus dem ewigen Kreislauf des Erlernten, des bereits Erbrachten ausbrechen? Wollte man nicht eben deshalb einen kreativen Beruf ergreifen, um nicht in Nine to Five, Steuerunterlagen und Meetings zu versumpfen? Gelegentlich braucht es einen Reiz von außen, um wieder ein Projekt ganz für sich in Angriff zu nehmen. Ein Projekt, das vielleicht sogar für die Gesellschaft sinnstiftend ist oder diese zumindest aufregt (denn gekuschelt wird derzeit schließlich genug).
Hier kann man von Kollegen viel lernen. Besonders von jenen, die von Mut und Idealismus getragen werden, die Verrücktheit von verrücken (nämlich der Perspektiven) ableiten, die sich nicht zufrieden geben mit der Frage nach einem neuen Logo, die vielleicht auch über ausreichend finanzielle Ressourcen verfügen (das ist nicht immer pfui) oder aber sich um eben diese gar nicht scheren.
Zimperlich darf man bei der Begehung neuer Terrains freilich nicht sein, denn – auch das ist erstaunlich – Neues wird heute mehr denn je eher argwöhnisch betrachtet … man staunt bisweilen, dass wir es von der Pferdekutsche tatsächlich zum Vierzylinder gebracht haben.
Dies alles fasst ganz gut die Beiträge dieser Ausgabe zusammen, mit der wir die Grenzen und Möglichkeiten der Gestaltung ausleuchten möchten. Unsere Idee war es, Design gezielt als inhaltliche Auseinandersetzung zu
betrachten, als das Aufspüren von Bedürfnissen, als Anstoßgeber für die Gesellschaft. Wir trafen dabei auf Kreative, die Wohltätiges mit ihren Fähigkeiten verbinden, aber auch auf Designer, die schlichtweg größte Lust auf Experimente haben. Wir sprachen mit Menschen, die einen ganz anderen Blickwinkel auf unser Genre werfen, und mit Studierenden, die sich mit dem Design der Zukunft auseinandersetzen. Andreas Koop wirft unter anderem die Frage in den Raum, ob die Welt ohne Design tatsächlich ärmer wäre, Oliviero Toscani hat immer noch genug Wut im Bauch und Nelly Ben Hayoun treibt den Designbegriff mit schier unfassbaren Experimenten auf die Spitze.
Was soll ich sagen? Es blieb natürlich bei einem kläglichen Versuch, weil es nicht den einen Antrieb und auch nicht das eine Ziel in der Gestaltung gibt. Weil sich Kreativität ihren eigenen Weg sucht, wie ein Bach, der den Berg hinunterfließt, anschwillt, ausbricht. Nicht jeder Kreative muss gleich die Welt retten, nicht jeder außerhalb der Norm sein Heil suchen – einen Blick aber auf ebensolche ungewöhnliche Kollegen zu richten, kann ganz sicherlich inspirierend sein.
Bei allen Jobs, Kundengesprächen und Deadlines sollte man schlicht nicht vergessen, welch großartige Möglichkeiten der Beruf des Designers bereithält. Er beinhaltet Talente, die vielleicht sogar dazu verpflichten, die Welt inhaltlich zu gestalten – denn das sollten wir wahrlich nicht nur der Wirtschaft überlassen.
Lassen Sie sich also von diesem Ausreißer der novum inspirieren und genießen Sie die Sommertage, Ihre

Bettina Schulz