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Es gibt Situationen, die durchläuft man wie Bill Murray in »Täglich grüßt das Murmeltier« immer und immer wieder: In der Warteschlange an der Theatergarderobe stehend, drängt sich garantiert ein herausgeputzter Schlipsträger mit einer Nonchalance nach vorne vorbei, als wären alle anderen einfach nur zu blöd, das Recht des Stärkeren in die Tat umzusetzen. In solchen Momenten wünschte ich mir, eine Nahkampfausbildung absolviert zu haben und meine gute Kinderstube vergessen zu können. Natürlich beläßt man es bei einer ebenso direkten wie wirkungslosen Ansage, die quittiert mit einem Achselzucken sicherlich nicht zur unverzüglichen Buchung eines Benimmkurses führt. Und leider setzen sich Flüche, wie der Wunsch, der Unbekannte möge auf der Straße seines Kaschmirmantels beraubt werden und sich aufgrund dessen einen ordentlichen Schnupfen einfangen, nur bei Dornröschen auch wirklich in die Realität um. Doch scheint ein kleines Sternlein am Horizont zu funkeln, will man den Berichten glauben, gute Manieren seien auf dem Vormarsch. Wird gar jetzt in Krisenzeiten Freiherr von Knigge wie Phönix aus der Asche steigen und ungehobelten Klötzen auf die manikürten Fingerchen klopfen? Werden Ellenbogen eingefahren und tritt so etwas wie Sensibilisierung für Moral und Anstand ein? Im großen Stil wahrscheinlich nicht, aber vielleicht in kleinen Schritten. Erreichte mich doch kürzlich die Neuerscheinung aus dem Verlag Hermann Schmidt »Über den Umgang mit E-Mails« leinengebunden, zauberhaft illustriert und voller augenzwinkender Wahrheiten, die Scholz & Friends zu einem »E-Mail-Knigge« zusammenfaßte. Ein Büchlein gegen die Verblödung der Menschheit durch E-Mails ist dem Rücken zu entnehmen. Und was bei der höflichen E-Mail im Arbeitsalltag anfängt, könnte ja an der Garderobenwarteschlange nach Feierabend fortgesetzt werden Respektlosigkeit ist jedoch leider nicht nur in ärgerlichen Bagatellen auszumachen: Wir erhalten immer wieder Post von Designern und Illustratoren, die ihre Arbeit dreist abgekupfert in der vermeintlichen Kreativleistung anderer wieder erkennen und um Rat fragen. Nun hat es sich schon herumgesprochen, daß die Aussichten auf einen Prozeßerfolg in solchen Fällen leider verschwindend gering sind. Gerade deshalb wird sich vielleicht auch manches Mal gnadenlos bedient im nahezu rechtsfreien Raum sind die Grenzen des Verhaltens eben jedermanns eigenen moralischen Vorstellungen angepaßt. Und auch wenn nicht immer böse Absicht unterstellt werden darf, würde es sicherlich nicht schaden, wenn die Berufsehre im kreativen Sektor ein wenig kräftiger am Gewissen nagt. Denn, man mag es kaum glauben: Der gute Ton ist nicht immer bei Pantone zu finden!
Bettina Schulz