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Der heutige Arbeitsmarkt entwickelt sich zum reinsten Minenfeld, und mit Qualifikationen, die gestern noch absolute Priorität bei der Bewertung von Bewerbern hatte, gewinnt man einfach keinen Blumentopf mehr. So konnte man kürzlich in der geschätzten W&V nachlesen, welche Maßstäbe Personalchefs an den Tag legen, vor allen Dingen, wenn es um die kreativen, marketingorientierten Berufsfelder geht. »Soft Skills« nennt sich eines dieser schwammigen Ungeheuer und das heißt bei weitem nicht, daß man über eine gute Kinderstube verfügt und Freiherr von Knigge nicht für einen Dschungelcamp-Teilnehmer hält. Man sollte, so war dem Beitrag zu entnehmen, seinen Lebenslauf und vor allen Dingen etwaige Lücken nun nicht mehr nur mit Sprach- oder Fortbildungen bereichern, sondern auch mit sozialen Engagements. Ich denke nicht, daß es hier ausreicht, wahlweise Kinder oder Senioren im Sommerurlaub auf Ibiza mittels Aquagym oder Dartpfeilen zu bespaßen ein wenig anspruchsvoller darfs schon sein. Ein ordentliches Ehrenamt im städtischen Altenheim steht da im Ranking sicherlich sehr hoch (
der kann bestimmt mit schwierigen Kunden umgehen
) oder aber die Betreuung einer Freizeitmannschaft des örtlichen Fußballclubs und deren F-Jugend (
Nerven wie Drahtseile
). So ein wenig zusätzliche Beschäftigung wird bei einer offiziellen Fünfunddreißig- und realen Sechzig-Stunden-Woche ja wohl drin sein. Leider erwähnte keiner der befragten Personalchefs, ob die Unterhaltung einer funktionierenden Partnerschaft oder einer Familie ebenfalls schon zu den erforderten »Soft Skills« zählt oder sogar eher einen Minuspunkt darstellt (wo bleibt da auch die Zeit für gesellschaftliches Engagement?). Wahrscheinlich ist das schlichtweg nicht außergewöhnlich genug, ebenso wie ein verfügbares Kontingent an ohnehin aussterbenden Manieren oder aber an spontaner, sozialverträglicher und unvoreingenommener Freundlichkeit gegenüber anderen. Muß man befürchten, daß die Menschheit langsam zu Robotern mutiert, die jeden Charakterzug auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts trimmt? Ein soziales Jahr nach Abi, Studium und Aufbaustudium, um anschließend als Praktikant wahlweise Bilder zu bearbeiten oder den Toner auszuwechseln, erhöht die Karrierechancen. Da spielt es dann auch gar keine Rolle mehr, wenn man sein Gegenüber nach dem ersten Blickkontakt sofort duzt, im Straßenverkehr gerne mal rücksichtslos die Vorfahrt nimmt und in einer Türe nicht primär ein Ding sieht, das man anderen aufhalten könnte
Doch, »Soft Skills« sind eine prima Sache mein Neffe macht jetzt schon ein Praktikum darin: Er ist genau ein Jahr alt und lernt den Unterschied zwischen »ei, ei« und »aua«. Und wenn seine Lernerfolge so rasant weitergehen, hat er sicherlich eine große Karriere vor sich!
Bettina Schulz