Eigentlich müßte unser novum plus dieser Ausgabe genau so heißen! Denn barrierefreies Design ist ja keine neue Gestaltungsdisziplin, es muß im Prinzip überhaupt nichts Neues oder anderes leisten. Genaugenommen ist es einfach nur perfektes Design, weil keine »Zielgruppe« ausgeschlossen wird. Barrierefrei sollte in erster Linie unser Denken werden – weg von gewohnten Sichtweisen. In Schnittmengen zu denken war gestern, das ist schon aufgrund des demografischen Wandels nicht mehr möglich und durch moderne Technik, so meint man, ist die Berücksichtung von Barrierefreiheit auch einfacher geworden.
Die Bedürfnisse von Menschen mit Einschränkungen gleichweder Art zu erfüllen, bedeutet ja nicht zwangsläufig, »spezifische« Probleme zu lösen, sondern allen Menschen das Leben einfacher zu machen. Die Bezeichnung »Universal Design« ist daher auch die treffendere! Dafür müssen aber Normen – gesetzlich festgelegte oder aber auch gedanklich fixierte – aufgebrochen, überdacht, aufgehoben oder verändert werden. Es ist ja kein Naturgesetz, daß Randsteine eine Fallhöhe von fünfzehn Zentimetern haben müssen und durch Türen maximal eine Einkaufstüte plus Träger paßt. Ich möchte auch nie mehr in einem Parkhaus eine halbe Stunde mein Auto suchen müssen, nur weil der Gestalter es scheinbar für homogener hielt, alle vier Ebenen plus Zwischengeschosse in Rot zu markieren und dieselben Stellplatznummern auf jeder Etage zu verteilen. Und auch ganz ohne Sehbehinderung weiß ich es zu schätzen, Schilder auf den ersten Blick erfassen zu können.
Ist es Gleichgültigkeit, fehlendes Einfühlungsvermögen, Arroganz oder Gedankenlosigkeit, die uns – und erst recht behinderten oder alten Menschen – tagtäglich begegnet? Könnte es für Gestalter vielleicht hilfreich sein, Hemmschwellen abzubauen und Kontakt zu Gehandicapten aufzunehmen, gerade wenn es um (öffentliche) Raumgestaltung geht? Professor Kerstin Kaczmar initiierte mit Studierenden der HBK Braunschweig ein Projekt, das sich den Bedürfnissen von Blinden und Sehbehinderten widmete – in Kooperation mit Betroffenen (S. 40). So könnte vielleicht ein Modell aussehen: den Aspekt »barrierefrei« bereits in die Ausbildung zu integrieren!
Über einen Beitrag in unserem novum plus (S. 38) habe ich mich persönlich sehr gefreut: Vor einigen Jahren lernte ich Oliver Kartak auf einer Jurysitzung kennen und schätzen. Sein Fachwissen, seinen Humor und seine Offenheit. Und auch er hat zu kämpfen mit ebendiesen vermeintlich kleinen Dingen, die für den einen ärgerlich, für den anderen schlichtweg inakzeptabel sind, denn sein Leben änderte sich vor einigen Jahren von einem Tag auf den anderen. An dieser Stelle danke ich ihm sehr für die Einblicke in »seine« Welt, die eigentlich unsere sein sollte …
Bettina Schulz