Editorial

Meuterei auf dem Schiff der Kreativen



Ahoi und herzlich willkommen auf dem Schiff der Urheber, die durch jahrzehntelange Schlachten auf hoher See ihre Rechte ausbauen wollten. Die Wellen schlugen bei diesem Thema immer hoch, doch nun haben die Piraten das Deck geentert und man kann als Kreativer eigentlich nur fassungslos zusehen, was sich unter dem recht hübschen Logo alles verbirgt. Die freie Zugänglichkeit zum Weltwissen mag dabei nur vermeintlich ein hehres Ziel sein – ob hier von der neuen politischen Generation nur zu kurz gedacht wird oder diese noch mehr von der Wirtschaft gesteuert wird als die bisherigen, läßt sich schwer abschätzen.
»In der Tat existiert eine Vielzahl von innovativen Geschäftskonzepten, welche die freie Verfügbarkeit bewußt zu ihrem Vorteil nutzen und Urheber unabhängiger von bestehenden Marktstrukturen machen können« – so steht es auf der Website der Piratenpartei. Da kann man nur zustimmen: Ehemals freie, unabhängige Magazine, Zeitungen, Portale leben oft nicht mehr von Informationen und dem neudeutschen »Content«, denn dieser muß ja zunehmend kostenlos verteilt werden. Da aber niemand auf Dauer karitativ arbeiten möchte – sicherlich nicht einmal die Anhänger der Piratenpartei –, muß fortan hübsch geschrieben werden, was der Anzeigenkunde diktiert. Wer zahlt, schafft an und steuert so auch den Informationsfluß. Ja, das gab es schon immer, aber in weit abgemildeter Form. Heute können Wirtschaftsunternehmen schon Artikel gegen Bezahlung veröffentlichen – ohne Kennzeichnung für den Leser! Das ist zwar verboten und gegen jede journalistische Ethik, aber es scheint niemanden mehr zu kümmern. Zu erklären ist es mit dem Überlebenskampf der Medien: Die Anzeigen nehmen ab, viele Leser sind nicht mehr bereit – auch durch das große kostenfreie Angebot im Internet –, für sorgfältig aufbereiteten Inhalt zu bezahlen. Zunehmen wird so der Einfluß der Wirtschaft. Bleibt zu hoffen, daß man sich dem hohen Gut der freien, unabhängigen Presse wieder mehr bewußt wird. Zu welch katastrophalen Entwicklungen der Wegfall führen kann, sieht man in vielen Teilen der Erde und in den eigenen Geschichtsbüchern.
Betroffen sind aber nicht nur Texter, Autoren und Journalisten: Auch Fotografen, Illustratoren, Designer sehen sich damit konfrontiert, zum reinen Selbstbedienungsladen umfunktioniert zu werden. Geistige Leistung als Allgemeingut – frei verfügbar wie Sonne und Luft. Von letzterer sollen kreative Köpfe scheinbar künftig leben. »Mögliche, aber nicht zu erwartende negative Nebenwirkungen müssen bei deren Auftreten nach Möglichkeit abgemindert werden«, so formuliert die Piratenpartei ihr »Gegenkonzept« hierzu wortwörtlich und schwammig.
Es bleibt nur: Attacke! Kreative Seeleute, zückt die Säbel und stellt euch der Schlacht! Was nichts kostet, ist auch nichts wert und dem sollte man entschieden entgegentreten.


Bettina Schulz