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novum plus :

Editorial

Etikettenschwindel

Ich bin ein großer Fan schöner und zugleich intelligenter Verpackungen – solche, die dem Auge schmeicheln, verführen und dem Produkt einen angemessenen Rahmen geben. Im Lebensmittelsektor gibt es das immer weniger, denn die vorgeschriebenen Angaben zu Inhalts- und Nährstoffen, Herkunft und Weiterverarbeitungsstationen, Umweltzeichen und Codes lassen inzwischen kaum Raum für Gestaltung. Und als wäre das optische Chaos auf kleinstem Raum nicht schon groß genug, erfinden Hersteller auch noch eigene Siegel, um die Verwirrung zu komplettieren.
Hoch im Kurs stehen Vignetten aller Art, die die »heimische Produktion« anpreisen. Rechtlich wie tatsächlich mit nullkommawenig Relevanz und Wahrheitsgehalt aufgeladen, kann eine Milch aus »unseren Landen« schon dann als solche bezeichnet werden, wenn nur der Verschluss des Tetrapacks »heimisch« aufgeschraubt wurde. Bei Kokosmilch regionaler Herkunft sollte man spätestens stutzig werden. Tatsächlich haben Studien aber belegt, dass Konsumenten, die zwei identische Marmeladen verkosten durften, die als »heimisch« deklarierte als geschmacklich besser befanden und hierfür auch gerne mehr bezahlten. Alleine das Etikett sorgt also für mehr Genuss auf dem Frühstücksbrot – reichlich irritierend und ein erneuter Beleg dafür, dass der kritische Verbraucher vielleicht nicht ganz so kritisch ist.
In der Gestaltung wird von dieser Erkenntnis reichlich Gebrauch gemacht: Labels, die den regionalen Bezug kommunizieren – was sag ich, herausschreien –, werben mit den Schlagworten »Heimat«, »natürlich regional«, »Aus der Region!«, »Gutes von hier«, »regionale Vielfalt« sowie mit »ohne regionale Produkte fehlt was«. Wahlweise in verschnörkelter Handschrift, als hätte Oma Lisbeth die Äpfel selbst zu Mus gekocht, oder aber in aggressiven Versalien, gerne mit Ausrufezeichen. Meist in Grün und oft so dilettantisch anmutend, dass in der Tat vermutet werden kann, Bauer Huber wäre nach getaner Stallarbeit noch schnell selbst kreativ geworden. Besonders auffallend die Produkte großer Erzeuger: Schwartau bietet beispielsweise eine Hofladen-Marmelade an … ein Stückchen heile Welt für all diejenigen, die mit ihrem SUV nicht zum nächsten Bauernhof fahren möchten, um tatsächlich im Hofladen (die gibt es wirklich!) einzukaufen. Den Zusatz »Heimische Fruchtsorten« musste das Unternehmen allerdings streichen – diese kamen nämlich bei der Sanddorn-Erdbeer-Sorte aus Polen, dem Baltikum und Südosteuropa, wie Öko-Test aufdeckte …
Aber nicht nur das Marketing hat leider den Drang nach heimischen Produkten für sich entdeckt, denn fast immer, wenn es um Heimat geht, ist der braune Sumpf nicht fern. Und so publizierte vor einiger Zeit auch die rechte NPD die Kampagne »Kauft deutsche Produkte!«. Da der Klang dieses Satzes irgendwie unheilvoll in den Ohren schwingt und merkwürdige Erinnerungen an den Geschichtsunterricht aufkommen lässt, steigt bei mir sofort der Appetit auf italienische Erdbeeren und spanische Tomaten.
Nein, lassen wir uns nicht beirren, es ist gut und sinnvoll, regionale Ware zu kaufen – nur sollte dies auch bis zu den Herstellern vordringen, die ihre Zutaten wiederum ebenso regional beziehen könnten. Der Etikettenschwindel jedenfalls wird früher oder später dafür sorgen, dass dieses vermeintliche »Alleinstellungsmerkmal« verschwindet. Und der Gestalter? Vielleicht könnte dieser den Produzenten nicht-regionaler Produkte nahelegen, auf andere Qualitäten hinzuweisen – irgendwann, wenn alles regional belabelt ist, werden die »Exoten aus fernen Bundesländern« vielleicht ohnehin wieder der Renner im Supermarkt.
Genießen Sie die Sommertage, Ihre

Bettina Schulz