Den dritten und letzten Tag eröffnete Li Edelkoort. Seit 2002 ist die in Paris beheimatete Trendforscherin ein regelmäßiger Gast der Indaba und nimmt mit ihren Vorhersagen nicht nur großen Einfluß auf die Modeindustrie, sie fördert auch seit Jahren das Kunsthandwerk in Ländern wie Maroko, Benin, Südafrika und Indien. Für dieses Engagement erhoben sie die holländische Königsfamilie und das französische Kulturministerium beide in den Ritterstand. In Kapstadt beeindruckte sie das Publikum mit einer Fülle von Informationen, Assoziationen und Inspriationen und stellte durch eine intelligente Zusammensetzung von Bildern und Inhalten eine Art Metaebene zwischen Realität und Kreativität her.
Edelkoort folgte die chinesische Modedesignerin Han Feng, die nicht nur Opern wie Madama Butterfly in London (2005) oder Händels Semele in Brüssel ausstattete, sondern auch Filme wie beispielsweise Kung Fu Kid.
Gefolgt wurde sie von Christien Meindertsma, einer holländischen Produktdesignerin, die novum-Lesern durch ihr Buch Pig 05049 bekannt sein dürfte. Natürlich faszinierte das Projekt auch die Zuhörer in Kapstadt und Meindertsma erntete viele Lacher und ungläubiges Kopfschütteln, als sie berichtete, was die Industrie aus einem einzigen Schwein so alles herstellt. Da in Europa alle Schweine eine Nummer tragen, sind ihre Bestandteile tatsächlich bis ins letzte Detail nachzuverfolgen, Meindertsma machte sich die Mühe und dokumentierte akribisch, zu welchen Produkten Schwein 05049 umfunktioniert wurde, etwa Wachsmalkreiden, Munition, Pinsel, Porzellan und Fischfutter, um nur einige zu nennen.
Wie jeder gute Autor, Magazinmacher oder Konferenzorganisator beherzigte auch die Indaba das Motto "keep the best for last" und der letzte Konferenztag sollte noch einmal zu einem wahren Highlight werden. Während die großen Kreativen in der Regel hinter ihren Designs und Produkten verschwinden, gibt es einige wenige Menschen, die selbst Otto Normalverbraucher mit Kreativität verbindet, so zum Beispiel Martha Stuart.
In den USA betreibt sie ein Mulit-Millionen-Unternehmen, verlegt Bücher und diverse Zeitschriften zum Thema Kochen, Ernährung und Home Decoration, betreibt verschiedene Produktlinien und eigene Fernsehsendungen - Martha Stuart ist weniger eine Person, sondern vielmehr eine äußerst erfolgreiche Marke, die überall im englischsprachigen Raum ihre glühenden Verehrer findet.
Natürlich waren die über 2.000 Indaba-Besucher gespannt, eine solch versierte Geschäftsfrau kennenzulernen. Die erste Ernüchterung folgte jedoch sogleich, denn Martha ließ das Publikum warten und hielt erst einige Zeit nachdem Christien Meindertsma geendet hatte Einzug ins Auditorium. Doch die Uhren und Besucher bei Indaba ticken anders, jeder Sprecher wird äußerst warm empfangen und kleine Formfehler großzügig übersehen - so auch bei Martha Stuart. Wohlgesonnen nahm das Publikum Marthas ausfühliche Beschreibungen ihres Imperiums hin, die zahlreichen Zeitschriften, Bücher und Fernsehprogramme, die Produktlinien und Kooperationen mit Firmen mit Wall Mart und The Home Depot, die Büro und Kreativräume.
Wer allerdings gehofft hatte, vielleicht den einen oder anderen Tip zu bekommen, wie man ein derart erfolgreiches Unternehmen aufzieht und führt, wurde enttäuscht. Statt dessen präsentierte Martha dem staunenden Publikum in epischer Breite sämtliche Produkte aus ihren Farbkollektionen. Die Anregungen hierfür entnahm die Meisterin ihrer direkten Umgebung - nun wurde es auch für Designer spannend! Hühnereier - wer hätte es gedacht - hatten sie zu gefühlten 3.000 colour ranges inspiriert, auch ihre Katzen und Hunde lieferten einen unschätzbaren Beitrag zu Farben wie "French Bulldog Black" und "Puschliges Hühnchen aus Peru Grau". Natürlich lieferte auch Marthas Lebensumfeld zahlreiche Anregungen so zum Beispiel die Gärten und Räume ihrer Häuser - "I have five", sagte die Top-Unternehmerin und hatte spätestens in diesem Moment einen ordentlichen Keil zwischen sich und die überwiegend afrikanische Zuhörerschaft getrieben.
Doch es sollte noch besser werden, wer zu diesem Zeitpunkt den Saal noch nicht verlassen hatte, wurde Zeuge einer noch weitaus größeren Entdeckung Martha Stuarts, dem Glitter. Wer dachte, diese "uralte" Technik sei nur etwas für Nippesbuden und Ein-Euro-Shops zu Weihnachten, wurde eines Besseren belehrt. Glitter eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, nicht nur Sternchen und Vögelchen kann man damit bestäuben, man kann damit auch regelrecht malen. Bilder aus Glitter, die Idee war so revolutionär, daß ein Konferenzteilnehmer laut auflachte - souverän konterte Martha und meinte: "just laugh, it's a multi-millon Dollar business". Natürlich kann man auch sein Lieblingsfoto auf Marthas Website einscannen und in eine Glittervorlage verwandeln lassen und wem das noch nicht reichte, der konnte noch verfolgen, wie Martha mit Jay Lenno glitterte und den amerikanischen Komödianten Conan O'Brien dazu inspirierte, die Glitterfee zu spielen und einen Schinken zu vergolden.
Doch genug davon, ein letztes Bild zeigte einige Damen in Stuarts Werkstätten - "they are paid to glitter, can you believe it, they have all the fun", meinte die Meisterin und wer noch Kraft hatte, schüttelte fassungslos den Kopf.
Zum Abschluß gewährte Martha der versammelten Design-Gemeinde noch einen Einblick in das faszinierende Thema "faux bois" - wer wissen möchte, was das ist, soll den Begriff bitte googeln. Das Publikum war zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall mehr als inspiriert und teilte seine Meinung zum Vortrag freiherzig über Twitter. Eine Twitter-Wand im Foyer zeigte alle Mitteilungen in Echtzeit und sorgte noch Stunden später für viel Erheiterung.
Sehr ernsthaft ging es nach dem Mittagessen weiter, als der chilenische Architekt Alejandro Aravena seine Bauprojekte vorstellte. Neben bemerkenswerten kommerziellen Bauten widmen sich er und sein Studio vor allen Dingen dem sozialen Wohungsbau und Aravena zeigte dem staunenden Publikum, wie man mit 7.500 Dollar Häuser bauen kann, die sich relativ problemlos von 40 auf 80 qm erweitern lassen. Darüber hinaus kommen die von ihm entwickelten Häuser mit einem Minimum von Platz aus und lassen den Besitzern viel Raum zur eigenen Gestaltung.
Nach so viel Glitter zeigte hier jemand, wie sich dank langwieriger Recherche und oft mühevoller Zusammenarbeit mit Slumbewohnern eine Lösung finden ließ, die nicht nur dem engen finanziellen Rahmen Genüge tat, sondern auch den Bedürftnissen der späteren Bewohner gerecht wurde. Auf beispielhafte Weise führte Aravena vor, was Design tatsächlich zu leisten vermag: Design ist durchaus in der Lage, das Leben entscheidend zu verbessern - es geschieht nur viel zu selten, denn um zum Ziel zu kommen, muß ein Gestalter viel Zeit und Nerven investieren, finanziell rentiert sich solch ein Engagement natürlich überhaupt nicht. Umso mehr Respekt zollte das Publikum Aravena und seinen Mitsteitern und verabschiedete den Sprecher mit standing ovations.
Nach der Präsentation verschiedener experimenteller Designprojekte löste sich die Konferenz buchstäblich in "Wohlgefallen" auf. Die Handspring Puppet Company führte Marionetten vor, die wirklich jeden begeisterten. Für Musical-Vorführungen in London und eine Produktion des Cirque de Soleil in Asien hatten die in Südafrika bereits sehr bekannten Puppenmacher Figuren geschaffen, die höchste Meisterschaft bewiesen. Basil Jones und Adrian Kohler schufen beispielsweise ein Pferd, das von zwei bis fünf "Puppetmasters" gespielt wird und sogar einen echten Menschen tragen kann sowie eine lebensechte Giraffe, deren Bewegungen den Zuschauer wahrhaftig in den Busch versetzt.
Doch neben aller technischen Meisterschaft verblüffte vor allen Dingen die Poesie, die dem Puppenspiel inne wohnte. Ein herrlicher magischer Exkurs, der nach all den mehr oder weniger ernsthaften Designvorträgen das Publikum in eine andere Welt entführte. Auch hier gab es Standing Ovations für eine Designleistung, die technisch perfekt war und die Menschen verzauberte.
Und mit Puppen ging es weiter: ZA NEWS präsentierte eine sehr eigene südafrikanische Version von Spitting Image. Trotz des traurigen Hintergrundes - ZA News blitzte mehrfach beim staatlichen Fernsehsender SABC ab und wurde mindestens ebenso häufig verklagt - war das Publikum begeistert. Laut SABC ist Südafrika zwar noch nicht reif für diese Art der Unterhaltung, doch die anwesenden Konferenzteilnehmer bewiesen das Gegenteil und trotz Boykott durch die öffentlich-rechtlichen Medien, konnten selbst Taxifahrer den ausländischen Fahrgästen erklären, warum beispielsweise Jacob Zuma in der Sendung eine Dusche auf dem Kopf trägt (kleiner Tip, es hat mit Aids-Prävention zu tun).
Auch wenn die Witze und Anspielungen nicht immer für ausländische Zuschauer ersichtlich waren, bildete ZA News dennoch einen würdigen Abschluß für eine drei sehr bemerkenswerte Konferenztage.
Südafrika ist sicher nicht der nächtste Weg, doch Desginveranstaltungen wie diese sind mehr als rar. Hier versammeln sich nicht nur seit mehr als zehn Jahren die führenden Köpfe der Creative Community, hier trifft der Konferenzteilnehmer auch auf eine Gastlichkeit und inspirierende Atmospähre, die wirlklich außergewöhnlich ist. Wer die Wahl hat, sollte sich wirklich überlegen, ob er nicht 2-3 Designveranstaltungen "um die Ecke" sausen läßt und statt dessen einmal die Design Indaba besucht. Fachlich ist die Indaba auf jeden Fall zu empfehlen und in puncto Atmosphäre kann diese Veranstaltung kaum eine andere schlagen.
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