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novum plus :

Editorial

Darf’s etwas mehr sein?

Wonach strebt der Mensch, die Gesellschaft? Wir alle wollen gesund sein, einigermaßen wohlhabend, sorgenfrei, die Work-Life-Balance sollte stimmen und gute Freunde sowie eine intakte Familie, Sicherheit und Frieden stehen sicher auch auf dem Wunschzettel. Leider gibt es weder eine Gelinggarantie für ein rundes Leben noch ein Rezept, das sich einfach einlösen ließe. Ein Barometer dafür, wie scheinbar versucht wird, glücklich oder vielmehr glücklicher zu werden, könnte eine Statistik sein, die Slogans.de
(www.slogans.de) jedes Jahr veröffentlicht: Die hundert häufigsten Wörter in deutschen Werbeslogans werden ermittelt und gelistet. Hier können also durchaus Präferenzen der Gesellschaft abgelesen werden, schließlich möchten Werber mit erfolgreichen Reiz- beziehungsweise Schlüsselbegriffen zum Kauf einer Ware oder Nutzung einer Dienstleistung verführen, was im Großen und Ganzen gut gelingt. Und natürlich versuchen wir unsererseits, eben mit diesem Konsum nicht zur zu überleben, sondern uns auch ein Stück Glück zu gönnen.
Ich finde es so bemerkenswert wie bezeichnend, dass im Jahr 2014 das Wort »mehr« den stolzen Platz eins belegt. Wollen wir tatsächlich »immer mehr«? Warum nicht ein »immer besser«? Warum ist dieses vage Versprechen eines »mehr als« so verlockend? Und ist ein »immer mehr« nun eher ein Garant für »immer besser« oder genau das Gegenteil davon? Mit »Luxus für alle« wirbt von Zeit zu Zeit ein großer Discounter und führt hier das Mehr an vermeintlich wertvollen Gütern ad absurdum. Denn Luxus, also das Kostbare, hat seine Daseinsberechtigung doch nur in der Verknappung. Ob dies nun in materieller Hinsicht in Form einer Rolex oder aber unter immateriellen Gesichtspunkten wie etwa Urlaubszeit gesehen wird – Luxus ist das Gegenteil dessen, was immer, jederzeit und für jedermann verfügbar ist. »Mehr« an sich stellt ohnehin selten einen echten Wert da, es ist ebenso wie ein »mehr als« sogar oft überflüssig. Mit dem Werbeslogan »Mehr als größer« ist das iPhone 6 erfolgreich – ein eher nebulöses Versprechen, oder nicht? Und Blackberry ist »mehr als luxuriös« (wo wir wieder beim Discounter wären) – geht das denn, und wenn ja, wie sieht denn Luxus in seiner höchstmöglichen Steigerung aus?
Ein wenig tröstlich ist es, dass in der Gesamtschau zwischen 2000 und 2014 das »wir« Platz eins im Ranking einnimmt (zwischen den sechziger und den achtziger Jahren war übrigens noch das wunderschön förmliche »Sie« der Spitzenreiter). Und immerhin lag im vergangenen Jahr das Wort »Leben« an zweiter Stelle. Mit »mehr Leben« macht man also als Lockmittel wohl nichts verkehrt … selbst wenn man voraussichtlich nur das eine hat, dessen Tage unverhandelbare 24 Stunden zählen – auch hier also nicht mehr, aber tröstlicherweise auch nicht weniger. Nur Winston Churchill möchte man recht geben, der einst sagte: »Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wurde.«
Das Thema dieser novum-Ausgabe war übrigens nicht im Ranking zu finden, dabei ist es der Urlaubs- und Aussteigertraum von so vielen: Wir bereisen mit Ihnen Australien sowie Neuseeland und stellen sowohl kleine Studios als auch große Agenturen vor. Die Kreativen aus Down Under erzählten uns, wie es sich in ihrer Heimat leben und arbeiten lässt; Vince Frost schildert seine Eindrücke hingegen als Einwanderer. Der Showroom musste also diesmal ganz dem Schwerpunktthema weichen, denn es gab sehr viel zu entdecken. Aber keine Sorge, die nächste novum kommt wieder mit gewohnter Struktur.
Viel Vergnügen und Inspiration wünscht Ihnen

Bettina Schulz