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novum plus :

Editorial

Mit Hochdruck

Als das Digitale die Welt eroberte, gab es in allen Branchen Umbrüche – die größten aber wohl mitunter in der Druckindustrie. Hier fiel man zunächst in eine Art Schockstarre, gefolgt von allgemeinem Lamentieren über den Untergang des Abendlandes. Nachdem man festgestellt hatte, dass sich das Internet partout nicht wegschimpfen ließ, wurde fieberhaft und fast schon panisch nach Wegen gesucht, das Digitale irgendwie mit Print zu verbinden. Die verblüffende Erkenntnis nach einiger Zeit lautete: Es funktioniert nicht recht. Und endlich, endlich reifte der Gedanke, man könnte sich doch eigentlich auf seine eigenen Stärken konzentrieren, die eigene Branche voranbringen, Techniken verfeinern, das Portfolio um Raffinessen erweitern. Dass dieser Prozess recht schleppend verlief, ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass die Druckbranche von Gutenberg bis zum digitalen Zeitalter konkurrenzlos war und damit gar keine Notwendigkeit bestand, am Status quo etwas Grundlegendes zu verändern. Was sollte der Kommunizierende auch tun, wenn ihm der Ist-Zustand der Drucktechnik nicht gefiel? Die Bibel wieder von Hand zeichnen?
Gottlob gab es also diesen Ruck, der uns so viele neue Anwendungen bescherte. Die Druckindustrie hat inzwischen verstanden, dass sie sich bewegen muss und stürzt sich mit Eifer auf technische Innovationen. Das ist großartig, einerseits. Andererseits sind die absolute Konzentration auf den Maschinenpark und der Stolz auf die neueste Ausstattung so übermächtig groß geworden, dass nun wieder etwas viel Essentielleres am Ende der Druckstraße herunterfällt. Ich möchte Sie, liebe Vertreter der Druck­branche, nicht schockieren, aber ehrlich gesagt interessiert sich der Kunde, der Kreative nicht die Bohne dafür, ob sein Auftrag mit einer Heidelberger, einer Druckmaschine von Manroland oder von den Heinzelmännchen im Keller mit Pinsel und Farbtöpfchen ausgeführt wird. Natürlich ist die Ausstattung einer Druckerei investitionsintensiv und es ist menschlich verständlich, dass man die Herzstücke des Unternehmens wie eine Monstranz vor sich hertragen möchte. Nur, in Sachen Kommunikation und Kundengewinnung ist das ein absoluter Holzweg. Interessiert man sich für die Produktionsstraße von BMW beim Kauf eines Neuwagens? Möchte ich tatsächlich wissen, mit welchem Ofen der Pizzabäcker den Teig so unglaublich knusprig hinbekommt? Und Sie, liebe Leser, haben Sie diese Ausgabe der novum erworben, weil ich meine Texte in Word schreibe und das Layout mit InDesign erstellt wurde?
Keine mir bekannte Branche wirbt beim Endkunden mit ihrem Werkzeug –
alleine das Ergebnis zählt. Der Fliesenleger zeigt auf seinem Flyer geflieste Räume, der Parkettleger Fußböden. Wenn man also nicht davon lebt, Druckmaschinen zu verkaufen, ist es sinnlos, mit diesen zu werben. Die Beratung, fachkundiges Handwerk im besten Sinne, das ist es, was zählt. Viele ­Druckereien (meist kleine und mittelständische) haben dies bereits erkannt und zelebrieren schlichtweg das, was sie richtig gut können: die schwarze Kunst in Perfektion. Ein stolzes Handwerk, das sich nicht hinter neuen Greifersystemen oder innovativen Wendetechnologien verstecken sollte. Ein Magier verrät doch schließlich auch nicht, wie das Kaninchen in den Hut kommt, oder?

Bettina Schulz