Editorial

Kleinlaut trifft Großmaul

Kaum reckt ein zartes Pflänzchen seinen Kopf aus der Erde, wird es schon niedergetrampelt von einer grauen Horde – einer sieht dem anderen gleich, eigentlich sind es nur Schatten mit seltsamen Namen wie Rumpelstilzchen89 oder Weißesbesser77. Der einzelne ist eigentlich ein Nichts, vielleicht mit seiner Nase unzufrieden, gerade verlassen worden, zu schüchtern, um sich im Lokal über eine versalzene Suppe zu beschweren, oder aber rot werdend, wenn er von Fremden angesprochen wird. Vielleicht ist er (oder sie) auch generell auf Krawall gebürstet; jemand, der andere zurechtweist, wenn diese um drei Uhr nachts über eine rote Ampel laufen oder zehn Zentimeter außerhalb des gelben Quadrats vor dem Bahnhof eine Zigarette rauchen. Gut möglich, wenn nicht gar äußerst wahrscheinlich ist Anonymus aber so wie alle … gelegentlich aufbrausend, oftmals ausgeglichen, meist freundlich – normal eben. Doch Firlefanz830 und Gartenzwerg10 macht etwas aus ihnen, holt aufgestauten Weltschmerz, den Wutbürger, die Lust auf Sarkasmus hervor, es erstickt den letzten Funken guter Manieren, wedelt den Hauch Empathie forthin. Warum auch nicht den Frontalangriff wagen und sich per »Abmelden« ganz schnell verkrümeln? Auf einmal werden Worte spitz, die Gürtellinie rutscht merklich nach unten – ach, wie gut, daß niemand weiß, daß ich HeuteAnders heiß.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich nerven Foren und viele ihrer Teilnehmer zunehmend. Schonungslos werden journalistische Beiträge in der Luft zerrissen und wehe, eine neu gestaltete CI für ein namhaftes Unternehmen wird im Netz publik. Schon sind sie da, die, die ohnehin für mehr als nur einen Beruf geboren sind, gießen Häme aus und ziehen andere mit sich – jeder setzt noch eines drauf, kommentiert wird der unfähige Wetterfrosch, kritisiert wird die Art und Weise, wie der Weltmeister feiert, Politiker werden geteert und gefedert, Porträtfotos ins Lächerliche gezogen und der ewig winkende moralische Zeigefinger darf natürlich auch nicht fehlen. Eine wirklich sympathische Gemeinde hat das Internet hervorgebracht – würden Außerirdische unsere Gesellschaft lediglich nach Foreneinträgen und Twittereien beurteilen, sie würden sicherlich schnell Land gewinnen wollen: die Erde, ein Irrenhaus!
Natürlich gibt es keine Lösung hierfür. Alles landet auf noch so verschlungenen Wegen im Netz und ein Weg zur Auflösung der Anonymität ist nicht in Sicht. Aber aufregen darf man sich trotzdem, oder? Inzwischen freue ich mich jedenfalls über jeden Beitrag im Internet, der keine Kommentarfunktion bereitstellt – meist weiß man eh, was kommen würde.
Auf unserer Creative Paper Conference bleibt niemand anonym und das ist auch gut so: Schließlich freuen sich die jetzt schon zahlreich angemeldeten Teilnehmer ebenso wie wir auf den direkten Austausch. Unser Ausstellungsbereich ist in diesem Jahr besonders gut gefüllt – lassen also auch Sie sich Ende Oktober inspirieren von all den drucktechnischen Neuheiten und fantastischen Papiersorten, die jüngst auf den Markt kamen. Und nicht zuletzt ist unsere Sprecherriege vielseitig besetzt … es wäre schade, wenn Sie das verpassen würden.
Ganz ich und ohne Nickname wünsche ich Ihnen einen guten Start in den Herbst und freue mich auf Sie auf der CPC 2014,