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novum plus :

Editorial

Unendliche Weiten?

Jeder, der sich im Netz bewegt, kennt die Filterprozesse, mit Hilfe derer der User »maßgeschneiderte« Empfehlungen erhält: Kaum habe ich eine Gehhilfe für die Oma bestellt, darf ich mich tagelang an Werbebannern von Sanitätshäusern erfreuen. Gottlob ist das System nicht perfekt und selbst Google kann mir noch nicht direkt ins Gehirn blicken. Es beruhigte mich beispielsweise ungemein, als ich nach Kauf des Romans »New York« zigfache Reiseführertipps erhielt …
Die eigentliche Problematik dieser Funktion ist meiner Meinung nach aber nicht ihre Unausgereiftheit, sondern vielmehr ihre bloße Existenz. Wer jemals dachte, das Internet stehe für uneingeschränkte Freiheit, sollte einmal beobachten, wie sehr wir hier doch fremdgesteuert werden. Auf Webseiten von Zeitungen werden wir von Artikel zu Artikel geführt, ein »für Sie ebenfalls interessant« zieht uns in einen Strudel und vermittelt genau das, was ein Programmierungsprozess vorgesehen hat. Relevant sind nur noch themenverwandte Artikel, nur noch diese werden für uns zusammengestellt – wer könnte auch darauf kommen, dass ich die aktuellen Bundesligaergebnisse und die Kritik zu einer Theaterpremiere lesen möchte? Ist es verwunderlich, dass es immer mehr Menschen gibt, die auf einem Gebiet höchstgradig informiert sind und von anderen Aspekten des Lebens wenig mitbekommen? Auch eine Zeitung kredenzt natürlich eine Vorauswahl an Themen, aber eben eine vielseitige. Hier kann ich überall hineinlesen; niemand lenkt mich auf direktem Weg zu Schlagworten und bestimmt damit den Informationsfluss.
Und wie sieht es in der Gestaltung aus? Taugen Pinterest & Co. als Inspirationsquelle? Ja, Ideen werden bei der Bildersuche zu jedem Schlagwort geliefert … merkwürdig, dass sich diese so gleichen. Kann Neues entstehen, wenn man sich nur noch auf bereits Vorhandenes stützt und sich hier von »ähnlich« zu »auch ähnlich« weiterhangelt? Oder schwimmt man damit in einer Suppe und findet nach der Erbse einfach nur noch eine zweite? Findet sich echte Inspiration nicht gerade im Unerwarteten, Zufälligen, Abwegigen?
Zu guter Letzt gibt es da auch noch die irrtümliche Annahme, Bildersammlungen im Internet seien eine Art Template-Bazar, auf dem sich jeder nach Belieben frei bedienen darf. Auch uns kommen so manches Mal Arbeiten unter, bei denen – vorsichtig formuliert – andere Kreativleistungen als offensichtliche »Grundlage« dienten. Fotografien, im Netz aufgegabelt, werden flugs mit einem Erscheinungsbild »ergänzt« … sieht ja bei der Kundenpräsentation auch gleich besser aus und erspart ein eigenes Shooting. Natürlich geschieht das nicht immer in böser Absicht, oft eher gedanken- oder ganz arglos, weil wir in der verfügbaren Bilderwelt gar nicht mehr genau wissen, wo etwas herstammt. Dass Gestalter mit dem laxen Umgang kreativer Leistungen anderer auch ihren eigenen Marktwert aushöhlen, ist die Kehrseite der Medaille. Und wer meint, andere seien selbst schuld, wenn sie brauchbare Dateien ins Netz stellen: Bin ich etwa verpflichtet, neben meinem Auto im Freien zu schlafen und aufzupassen, weil es ansonsten straffrei geklaut werden darf?
Wichtige Punkte zum Urheberrecht und andere für Gestalter relevante juristische Themen wird übrigens ab dieser Ausgabe Rechtsanwältin Andrijana Kojic in einer Kolumne für uns beleuchten und Sie über die aktuelle Rechtsprechung auf dem Laufenden halten.
Einen guten Start in den Frühling wünscht

Bettina Schulz