Editorial

Schöne alte Welt

Seien wir mal ehrlich: Bis vor zwei, drei Jahren scherte sich mit Ausnahme von Orthopädiefachgeschäften und Inkontinenzartikelhersteller kein Mensch um »die Alten«. Sie waren eben da, genauso wie Kinder, im Fokus stand jedoch der konsumwillige Zwanzig- bis Fünfzigjährige – jung, dynamisch, erfolgreich, Geld in der Tasche und Erbe von morgen. Das ist inzwischen natürlich anders, sei es durch spitzfindige Umfragen oder aber aufgrund des eingehenden Studiums der Alterpyramide. Es fiel den Unternehmen und deren Werbern wie Schuppen von den Augen – wenn noch Potential da ist, dann beim älteren Semester, also ran an den Speck, bevor die Kiste zufällt. Da aber das durchschnittliche Bild des hochbetagten Senioren nicht ganz in die Ich-will-so-bleiben-wie-ich-bin-heile-Werbewelt paßt, muß man diese erst erfinden. Der Achtzigjährige wird schon irgendwann kapieren, wie er zu ticken hat. Schließlich hat dieses System bei der jüngeren Generation auch funktioniert – immer gut drauf, Topfigur (die Magersuchtquoten – gigantisch), sportlich und voller Zukunftspläne. Nun werden die »Alten« also zu »Best Ager« umgepolt und neuerdings extrem entspannt auf Anzeigen und in Spots gezeigt, fit bis in die Zehenspitzen, armschwingend ­»walkend«, braun gebrannt, nur mit Saunatuch umwickelt – nie ging es uns besser als kurz vor dem neunzigsten Geburtstag. Wir schieben für die Enkel flugs Tiefkühlgemüse in die Mikro, bevor es auf den Golfplatz geht. Nichts gegen rüstige Rentner, nur: Identifizieren sich die Senioren von heute tatsächlich mit dieser Rolle oder ist es nur ein Traumbild von uns »Jungen«, die den Gedanken an Osteoporose, Alzheimer, Altersheim und Zipperlein verdrängen möchten? Ich persönlich finde es ganz schön, daß meine Oma auch eine Oma ist und mich beim Joggen nicht überholt, um mir anschließend meinen probiotischen Joghurt aus dem Kühlschrank wegzulöffeln. Und wenn mich schon das gezeichnete Seniorenbild in der Werbung nervt, wie geht es dann erst der Zielgruppe? Ich gewinne immer mehr den Eindruck, daß Werbung den Konsumenten nicht mehr da abholt, wo er ist, sondern einen Konsumenten von morgen erfindet. Ob wir da mitspielen möchten?
Ein Wort in eigener Sache: Die Anmeldungen für unsere Creative Paper Conference trudeln verstärkt ein – sichern Sie sich noch rechtzeitig Ihren Platz und wir sehen uns im Oktober in München. Und auch unsere Leserumfrage läuft noch; den Fragebogen finden Sie auf unserer Website.


Herzliche Grüße,

Bettina Ulrich